Verfasst von: Alexander Grosch | Mai 22, 2011

Der „falsche-Erfahrungen“-Effekt oder wieso wir Dinge mögen, die wir nicht kennen?


Vielleicht habt ihr selbst schon erlebt, dass ihr euch manchmal nicht mehr sicher wart, ob ihr etwas bestimmtes tatsächlich erlebt habt oder ob eure Vorstellung es zu einer realen Erfahrung gemacht hat.
Oder habt ihr euch vielleicht sogar schon im Nachhinen ertappt, dass sich eure Vorstellungskraft über die realen Erfahrungen hinweg gesetzt hat?

Falls ihr euch ein wenig damit identifizieren könnt, braucht ihr ab jetzt keine Angst mehr haben. Es liegt nicht an eurem geistigen Zustand, sondern es handelt sich um einen kleinen Streich, den uns unser Gehirn gerne spielt. Es ist also kein geistiger Ausnahmezustand, sondern ein häufiges Phänomen. Diese falschen Erinnerungen beziehen sich auf den „falschen Glauben“, dass ein Ereignis stattfand, das tatsächlich gar nicht passiert ist.

Neue Forschungen der University of Chicago haben sich mit diesem Thema im Bezug auf Werbung und Marketing beschäftigt. Dabei wurden unterschiedliche Studien durchgeführt, die zeigen konnten, dass die Konfrontation mit Werbespots dazu führen kann, dass wir glauben die beworbene Marke tatsächlich erfahren zu haben, selbst wenn die Marke oder das Produkt aus den Werbespots nur fiktiv war.

Wie in den Studien gezeigt wurde, kann dieser „falsche Glaube“ auch zu authentischen Produkterfahrungen führen, die ebenfalls nicht passiert sind. Dieser Effekt wird auch der „falsche Erfahrungen“-Effekt genannt und hat unter Anderem auch Auswirkungen auf die innere Einstellung zu einem Produkt oder einer Marke.

Die Studie sollte untersuchen, ob Werbung, die Bilder hervorruft, eine falsche Vorstellung über eine Produkterfahrung kreieren kann.

Dafür wurden 100 Probanden mit Printanzeigen für Orville Redenbacher’s (Amerikanische Marke) „Gourmet Fresh“ Popcorn konfrontiert, einer Produktvariante, die erfunden war. Eine Gruppe bekam dabei eine sehr lebendige Beschreibung der „großen weißen fluffigen Maiskörner“ zu sehen, während die andere Gruppe eine weniger bewegende Anzeige zu sehen bekam.

Eine Woche später wurde eine Umfrage unter den Probanden durchgeführt. Dabei zeigte sich, dass die Probanden, die die lebendigen Anzeigen sahen doppelt so häufig glaubten das Produkt bereits probiert zu haben im Vergleich zu den Probanden, die die einfache Anzeige sahen.

Tatsächlich waren sich die „Gläubigen“ sogar genauso sicher das Produkt probiert zu haben, wie die Probanden, die wirklich Popcorn bekamen nachdem sie die Anzeigen gesehen hatten.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wie wir diese Erkenntnisse für unseren Marketing-Alltag nutzen können. Frühere Studien konnten bereits zeigen, dass wir etwas mehr mögen und es wahrscheinlicher ist, dass wir etwas kaufen, wenn wir glauben es vorher schon versucht zu haben. Also überzeugen wir uns nun unsere Kunden mit starker, emotionaler Werbung davon, dass sie unser Produkt schon probiert haben, egal ob dies schon der Fall war oder nicht.

Die Frage, die mich hier aus wissenschaftlicher Sicht interessiert, ist, ob dieser Effekt mit unseren mächtigen Spiegelneuronen zu tun hat oder woher dieser Effekt tatsächlich stammt.


Responses

  1. Meiner Ansicht nach hat das Phänomen weniger mit den Spiegelneuronen zu tun, deren Existenz von etlichen Forschern angezweifelt wird, sondern eher damit, dass unser Gehirn versucht, Eindrücke in schlüssige Sinnzusammenhänge zu bringen.
    Der Sozialpsychologe Harald Welzer hat schon vor einigen Jahren festgestellt, dass sehr häufig Filmszenen mit unseren Erinnerungen verschmelzen und wir dann wirklich meinen, dabei gewesen zu sein. Je stärker die Emotionen, um so wahrscheinlicher war der Effekt. Ziel unseres Denkorgans ist eben nicht die Wahrheitsfindung, sondern Praktikabilität und das führt dazu, dass ein sehr emotionales Erlebnis zu starken Erinnerungen führt, denn evolutionsbiologisch ist die Unterscheidung zwischen Belohnung und Gefahr lebenswichtig. Unter diesem Aspekt werden ja beispielsweise auch „Ballerspiele“ diskutiert.
    Wir sollten aber nicht vergessen, dass wir auch noch mit der Fähigkeit ausgestattet sind, zu reflektieren und damit unsere Erinnerungen an die Realität anzupassen. Für die, die das nicht tun, lassen sich aus diesem Sachverhalt natürlich prima-effektive Marketingstrategien entwickeln…
    http://bit.ly/k3B21j

  2. Hi und erstmal vielen Dank für deinen Kommentar,

    schön, dass du direkt auf die Spiegelneuronen eingehst, denn ich habe gehofft hier Reaktionen zu bekommen. Ich bin zwar der Meinung dass die Spiegelneuronen existieren, sehe aber das Thema in diesem Zusammenhang kritisch.
    Und ja natürlich hast du Recht, dass wir die Fähigkeit haben zu reflektieren, aber ich bin mir sicher, dass es vor allem bei einfacheren und kleineren Entscheidungen nicht so häufig von der Selbstreflektion gebraucht gemacht wird.

    Danke für deinen Kommentar und für s Lesen meines Blogs. Freu mich auf deine Kommentare.

    Viele Grüße

    Alex Grosch


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